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PMS: I love you. Über die Fertilitätsfrage und Frühstück in Jugendherbergen

Aktualisiert: 18. Dez. 2023

Es ist 11.51 Uhr an einem diesigen Freitagmorgen. Ich bin gerade schnell mal eine Runde spazieren gegangen, denn aktuell wird es um 15.30 Uhr dunkel, alles läuft irgendwie zäh und die Stimmung ist so Mitte Dezember, mäßig. Das ist alles nicht so geil, aber nicht der Grund, warum wir uns heute zusammengefunden haben. Mein wirkliches Problem ist gänzlich unmeteorologisch, übersaisonal und hat auch nichts mit Vitamin D-Mangel oder Hormonen zu tun. Zumindest nicht mit Melatonin.


Ich habe in meinem letzten Beitrag über Mansplaining versucht, ein bisschen zwischen den scheinbar verhärteten Fronten zu vermitteln: Ist ja für alle nicht leicht, das mit der Gleichberechtigung. Frauen machen ja auch Fehler. Ganz viele Männer sind ja stets bemüht und auch nur Opfer ihrer Sozialisierung. 


Hab’ ich gesagt. Stimmt auch immer noch. Aber ich sage heute auch:


Fuck that shit in particular!!1!!


Da kannst du noch so viel Frauenpower-Tee trinken ...


Ich wurde in den letzten zwei Wochen mindestens drei Male, und zwei davon heute vor 11.51 Uhr, mit bodenlosen Aussagen von männlichen Genossen in sehr unterschiedlichen Kontexten konfrontiert: 


  1. ​​Warum ist eine schöne Frau wie du noch Single? Zu wählerisch, hm?“ 

  2.  Na ja, für dich gibt’s ja heutzutage auch Möglichkeiten – wegen Kinderwunsch. Willst du überhaupt Kinder?“ 

  3. Bei Ihnen stellt sich ja nun recht dringend die Fertilitätsfrage.“


Willkommen zu einer neuen Folge von: Männer sagen Sachen und Frauen sind sauer


Ich bin eigentlich eine relativ schlagfertige Person. Ich bin auch eigentlich recht selbstbewusst. Und trotzdem bin ich in solchen Momenten im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Wenn ich so etwas von Freunden, von einem Frauenarzt oder irgendwelchen Muchten auf Bumble lese, dann nehme ich das sehr oft einfach auf, ohne blutrünstig direkt die verbale Motorsäge anzulassen, wie es eigentlich angebracht wäre.




Stattdessen nehme ich es irgendwie hin und packe es innerlich in die Schublade mit den leeren Batterien, Tackernadeln ohne Tacker, dreckigen Post-its und den ganz kleinen Schlüsseln, von denen ich nicht mehr genau weiß, für welche meiner Diddl-Spardosen sie mal waren. Die Schublade und alles darin nervt mich voll, und jedes Mal, wenn ich sie aufmache, um etwas zu suchen und es dann nicht zu finden, wünsche ich mir, ich könnte das einfach alles wegschmeißen. Aber dann kommen diese Zweifel: Hm, na ja, wer weiß … radikal alles weghauen? Könnte ich ja bereuen. Fühlt sich irgendwie alles falsch an, also schnell Klappe zu und an was anderes denken. 


Vielleicht habt Ihr, meine werten LeserInnen, so eine Schublade nicht – oder alle eure Schubladen sehen so aus. Was ich sagen will: Ich beobachte an mir selbst mit großem Widerstreben, dass ich trotz vermeintlicher Aufgeklärtheit in den richtigen und wichtigen Momenten nicht den Mund aufkriege. Ich habe dann einen Argumentations-Blackout und ich frage mich: Warum ist das so? 


Schauen wir uns zunächst mal den Tatbestand an.


Warum reg' ich mich eigentlich so auf?


Warum PMS launisch und aggressiv macht, ist nicht ausreichend erforscht. Dass es so ist, ist empirisch hingegen sehr gut belegt, zum Beispiel heute an mir. Und meine Herren, was bin ich gerade weit oben auf der Palme. Ich schicke humorig-cholerische Sprachnachrichten an meine Freundinnen, hab den wütendsten Eiersalat der Geschichte des Eiersalats zubereitet und ihn aufgebracht inhaliert, während meine beiden Mittelfinger bei jeder Regung der Außenwelt zu zucken beginnen. Ich atme ein, ich raste aus.


„Warum ist eine schöne Frau wie du noch Single? Zu wählerisch, hm?“




Achtung, it’s a trap! Hihi, der findet mich hübsch! denkt sich der naive Teil in mir, der manchmal auch noch leise quietscht, wenn irgendwas glitzert. Leider ist das tatsächlich immer noch so – you can get the princess out of the castle, but you can’t get the castle out of the princess. Was zur Hölle ist das für eine räudige Frage? pöbelt dann aber laut die emanzipierte Stimme in mir, die in Jogginghose und mit ungewaschenen Haaren ZDF-Dokus über die Geschichte der Abwasserentsorgung guckt.


Auch, wenn die Frage eigentlich keine Antwort verdient hat, hier trotzdem eine: Ich bin trotz meiner optischen Qualifikation noch Single, weil es bedauerlicherweise so ist, dass das Dating-Buffet des Lebens aktuell und oft Jugendherbergs-Niveau hat. Schrumpelige Aufbackbrötchen, soziopathische Gesichtswurst, schwitzender Gouda und altes Müsli ist in dem Sinne natürlich ‘ne Auswahl, klar. Kann man essen. Aber das Gefühl – nachdem man sich die letzte sehr unergonomisch geformte Tasse lauwarmen Hagebuttentee reingefahren hat – ist irgendwie nicht das, was ich von einem Partner oder dem Leben erwarte. Dann lieber später was Richtiges.


 „Na ja, für dich gibt’s ja heutzutage auch Möglichkeiten – wegen Kinderwunsch. Willst du überhaupt Kinder?“


Kurze Gegenfrage: Sag mal, ziehst du Luft, Bruder? Frag doch lieber so: Bist du dir sicher, dass es für dich persönlich die richtige Entscheidung ist, deinen Körper und dein Leben der Aufgabe unterzuordnen, einen anständigen Menschen in diese Welt zu bringen? Dann könnte ich sagen: Nein, bin ich nicht. Klingt nämlich ganz schön krass und nach einer Entscheidung, die definitiv nicht zum Selbstzweck gefällt werden sollte. 


Vielleicht ist es am Ende für mich eine gute Idee, vielleicht nicht. Die Frage geht nur mich und potenzielle Väter etwas an. So oder so ist es eine unangebracht persönliche und hochgradig unsensible Frage, gerade in einer Zeit, in der weder die Menschheit einem Reproduktionssauftrag, noch ich den Erwartungen irgendeines Aufbackbrötchens nachkommen muss. Arterhaltung steht nicht über meinen eigenen Bedürfnissen und soziale Normen tun das auch nicht.


Sidenote: Es gibt auch Frauen, die hatten schon einmal Kinder. Es gibt Frauen, die wollen Kinder und können sich diesen Wunsch nicht erfüllen. Wieder andere haben aus ganz persönlichen Gründen keinen Bock drauf. Alle haben gemeinsam, dass sie keine menschlichen Fettnapf-Spürnasen brauchen, die sie daran erinnern.


Ich finde: Wir leben in einer Zeit, in der die Frage, warum man sich dazu entscheidet, Kinder zu haben, es genau so wert ist gestellt zu werden, wie die, warum man (vielleicht) keine will. Und es wird ja auch endlich zaghaft enttabuisiert, dass manche Menschen ihre Entscheidung tatsächlich bereuen. Die sagen dann so etwas wie: „Ich liebe meine Kinder und würde alles für sie tun. Aber wenn ich jetzt noch einmal die Wahl hätte, würde ich mich anders entscheiden –  aus Grund X.“ Krass. Gut. Das darf man jetzt sagen, und dafür gibt’s von mir hier mal einen kleinen Shoutout an die sozialen Medien: Danke dafür. 


Ich frage mich manchmal: Wie würde die Welt aussehen, wenn jeder Mensch, der ein Kind produziert, diese Entscheidung vollkommen frei von sozialem Druck und biologischer FOMO getroffen hätte? Ich glaube leerer, gesünder und glücklicher.


Aber ja, die biologische Uhr. Von Rolex bis Flikflak, sie ticken alle und deswegen …


… erzähle ich jetzt zur Auflockerung erst einmal einen Witz.


Kommt ‘ne Frau zur Vorsorgeuntersuchung zum Frauenarzt. Sagt der Arzt:


„Bei Ihnen stellt sich nun ja recht dringend die Fertilitätsfrage.“


Warte mal: Hä, was? Wer genau stellt hier gerade wem meine Fertilitätsfrage –  und warum? Meine Frage an diesen Gott in weiß war einfach nur, ob er eine gute Therapiepraxis kennt, und das hatte nichts mit dem best before date meiner primären Geschlechtsmerkmale zu tun. 


Aber der Teufelskerl von einem Gynäkologen wusste etwas noch viel Heilsameres für mich, als diese neumodische mentale Gesundheit: Wusstet ihr, dass ich gute Chancen habe, auf dem Land einen Mann zu finden? Besser, als in der Stadt? Seine Erklärung: Frauen mit abgestoßenen Hörnern kommen bei Typen auf dem Dorf nämlich ganz gut an. Die Menners haben dann nämlich keine Angst mehr, dass die Alte denen noch wegläuft. Ich wünschte wirklich, ich hätte mir das ausgedacht, aber genau so ist es passiert.


Das Wort Fertilitätsfrage“ geistert mir seitdem im Kopf herum. Hat Friedrich Merz nicht Olaf Scholz auch gerade erst die Fertilitätsfrage vorgeschlagen? Typisch.


Ich bin 35 Jahre alt und jo, ich bin ganz frisch ins Team Risikoschwangerschaft gewechselt und statistisch kickt bei mir auch schon in 16 Jahren die Menopause rein. 


Ich bin aber auch 35 Jahre alt, und hab’s in dieser kranken Welt geschafft, ziemlich gesund zu bleiben – und auch noch richtig viele Dinge zu tun, auf die ich Bock hatte und habe. 


Wenn ich also die Fertilitätsfrage gar nicht selbst stelle, weil die Antwort gerade aufgrund von Buffetenttäuschung und dafür aber ganz schönen und anderen Optionen im Leben gar nicht relevant ist – wieso stellt der mir die dann? Und wieso habe ich ihm nicht das Gebärmutter-Modell von seinem Schreibtisch über die Rübe gezogen?


Mein Schlussplädoyer


So wütend und so bereit, darüber zu sprechen, wie saftig Männer aller Generationen in unserem Alltag daneben langen, bin ich selten. Aber gerade schon, und dafür danke ich Gott (in weiß), der Academy – und meiner PMS.






„Mach doch einfach, was du willst, wieso regst du dich so auf.“


Ich hoffe dieser Frage, die dann ja gerne von den Schlaubischlümpfen der Feminismus-Debatte gestellt wird, konnte ich ein wenig vorwegnehmen. Wenn nicht, hier die passiv-aggressive Zusammenfassung:


  1. Es ist unmöglich, sich als Frau nicht ständig mit Beziehungs- Fertilitäts- und damit einhergehenden Fragen auseinander zu setzen, weil sie einem STÄN-DIG wie ein toter Fisch ins Gesicht geklatscht werden. Kaum machst du die Tür auf, guckst aufs Handy oder gehst zum Arzt: FLATSCH! 

  2. Es ist dazu leider immer noch ein harter Kampf gegen meine Lady-Sozialisierung, auf den Tisch zu hauen, wenn mir etwas nicht passt. Ja: Mir, die beruflich nur am Labern ist, fällt es schwer, mich für mich selbst geradezumachen. Weil es für mich neben der Selbstverständlichkeit eines Kinderwunschs eine weitere lästige gesellschaftliche Norm ist, zurückzustecken, Harmonie zu stiften und Männern ihre Fehlschläge nachzusehen. 

  3. Männer, die sich so viel mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen müssen, wie Frauen, sind irgendwie krank oder steinalt. Das ist wahrscheinlich schwer vorstellbar, aber probiert's doch mal aus zum Spaß.

  4. Genau so, wie es für Männer schwer ist, ihr anerzogenes Überlegenheitsverhalten abzulegen, ist es für Frauen schwer, ihr anerzogenes Unterlegenheitsverhalten abzulegen. Aber: Sich den Weg nach oben freizukämpfen geht deutlich leichter, wenn oben die Luken nicht verrammelt werden. Und die Luken nicht zu verrammeln bedeutet manchmal einfach nur, den Mund zu halten.


Wäre total cool, all das mal mit einem Therapeuten zu besprechen. Aber mein Arzt hat mir stattdessen eine Dorfhochzeit verschrieben. Na mazel tov.


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