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Humor, ein Privileg? Über witzige Frauen und ihr ernstes Problem

Sind Männer lustiger als Frauen? Ich würde sagen: NA! Das ist wie Jein, eine Mischung aus Ja und Nein – aber mit erhobenem Zeigefinger. Denn wieso sollte sich so eine generalisierende Frage überhaupt stellen, wenn nicht irgendein Vorurteil dahinter lungern würde? Trotzdem gibt es, ich spüre sie ja selbst, diese gefühlte Wahrheit, dass die sogenannte Gender Joke Gap real ist. Und um eben dieser auf den Grund zu gehen, befasse ich mich in diesem Text mit den folgenden Themen.




Disclaimer: Bei dieser wie bei vielen Genderdebatten wird verallgemeinert, dass die Hütte wackelt. Alle Frauen, alle Männer, sowieso alle hetero – und dazwischen gibt’s natürlich sowieso nichts. Das ist meiner Ansicht nach im Rahmen der Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung insofern auch notwendig, als dass ja genau diese konservativen Rollenbilder der Kern des Problems sind, an dem ich jetzt mal ein wenig rumpulen werde. 


Bro Puns, Dad Jokes und Altherrenwitze: Exklusiv männliche Humorsparten sind bekannt und beliebt. Aber Sis-Witze, Granny Gags und LOLitas? Selbst der Mutterwitz ist für alle da und der Deine-Mutter-Witz war vermutlich auch keine weibliche Erfindung. Läuft irgendwie nicht an der funny Females Front. Eine grundsätzlich abweichende Prädisposition bei den Geschlechtern – so wie beispielsweise das allseits beliebte Gehirnhälften-Argument – existiert beim Thema Humor dabei gar nicht. Es gibt lediglich Studien, die besagen, dass Frauen eher und mehr lachen als Männer. Das sagt aber nichts über die Fähigkeit aus, Humor zu “produzieren”. Würden wir also alle gesellschaftlichen Einflüsse ausblenden, dann können Frauen grundsätzlich in der gleichen Witzeliga scoren wie Männer. Aber ist lustig sein deswegen paritätisch?



 

Wenngleich ich unnötige genderspezifische Unterscheidungen immer gerne als haltlos entlarvt sehen möchte: Die generelle Absicht, Menschen zum Lachen zu bringen (und damit auch erfolgreich zu sein) ist stereotypisch eher männlich. Aber warum?

 

Was bedeutet “Humor haben” innerhalb der Geschlechterrollen?

Ohne zu wissen, dass ich es schon mein ganzes Leben tue, beschäftige ich mich heute aktiv mit der Gender Joke Gap.


Als Gaps nicht schon genug Gaps, könnte man jetzt einwerfen. Von Gender Pay, Data und Orgasm Gap über die Thigh Gap bis zur klaffenden Lücke im Fahrgastraum beim Manspreading. Ein weiterer Neologismus, der schlafende Rüden bitchig aus dem Schlaf reißt? So neo der Logismus auch sein mag, so archetypisch scheint sein Problem: Humor, eine weitere Männerdomäne.


Wenn ich an dieser Stelle von Humor spreche, dann meine ich das übrigens im gleichen Sinne wie die Mehrheit der Frauen:


Laut Studien erachten sowohl Männer als auch Frauen Humor als eine der wichtigsten Eigenschaften bei der PartnerInnenwahl. Auf die Frage, was das genau bedeutet, antworteten die Frauen überwiegend, dass sie einen Mann wollen, der sie zum Lachen bringt. Männer hingegen, na sowas, legen bei ihrer Partnerin Wert darauf, dass sie über ihre Witze lacht. Also über seine. Frauen sind somit nur das gut gelaunte Publikum und Männer die Showstars?


Dass viel mehr Männer als Frauen tatsächlich auf Bühnen und vor Kameras treten, um das Publikum zum Lachen zu bringen, ist noch einmal ein ganz anderes Thema.



Mir geht es darum: 


“Wit in a woman is the end of any romance“. 

Das hat Oscar Wilde gesagt. Das 19. Jahrhundert ist natürlich schon ein paar Jahre her, aber ich glaube, der Grundgedanke hat in Teilen überlebt. 


 

Wit, das bedeutet nicht nur wit-zig, sondern vor allem scharfsinnig, intelligent, selbstbewusst und mutig. Bei Männern hot, bei Frauen not? Das bringt mich zu der Frage: Wie funktioniert witzig sein überhaupt?

 

Humor: Die Kunst zu wissen, wo und wie es wehtut 

Theorien darüber, wann Menschen lachen - das durfte ich schon in meinem Beitrag zum Thema KI-Humor feststellen - sind der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln: an und für sich ein ganz interessantes Unterfangen, aber nach einigem Zusehen wird’s witzlos. 


Klar ist: Humor hat Kategorien. Es gibt Wortwitz, Ironie, Sarkasmus, Zynismus usw., außerdem spielen Situation, Kultur und Erziehung natürlich eine Rolle. Egal, welche Mechaniken und Bedingungen gegeben sind: Humor tut immer irgendwie (ein bisschen) weh.


Die Benign Violation Theory besagt, dass ein Witz entsteht, wenn Grenzen überschritten werden – aber halt nur so ein bisschen. Benign Violation bedeutet “harmlose Normverletzung”. Was harmlos ist und was als Norm gilt, hängt wie einleitend gesagt, stark vom Gesamtkontext ab. 


Diese enorme Variabilität macht den Pudding allgemein also sehr theoretisch, legt aber eine eindeutige Fährte, wenn es um Geschlechterrollen geht: Humor zu produzieren, geht mit einer gewissen Aggressionsbereitschaft gegenüber bestehenden Regeln einher. 


 

Aha! Aggressives Verhalten und normative Weiblichkeit. Klingt nach einer heißen Spur. Und nicht nur heiß, sondern sogar richtig  … sexy.

 

Sex(-ismus) und Humor: Da kann ich nur hysterisch lachen



Frauen: schön, moralisch und passiv. Passiv-aggressiv, wenn’s (uns) hochkommt. Aber so richtig rabiat einen vom Leder ziehen – dreckig, laut oder konfrontativ? Sieht die konservative soziale Ordnung für uns eigentlich nicht vor. Und Frauen, die sich nicht gendernormativ verhalten, sind für Fans des Patriarchats ein Abturner – und selbst für Nicht-Fans trotzdem immer noch ungewohnt. Eine witzige Frau nimmt also sehr bewusst in Kauf, landläufig als weniger attraktiv empfunden werden zu können. So geht das aber nicht, Frollein!


Dass besagte soziale Ordnung zwar bröckelt, aber nach wie vor existiert, lässt sich nicht abstreiten. Dass sie hinfällig ist, sagen die einen. Dass sie der natürliche Ursprung sind, dass Frauen tatsächlich und aus evolutionär sinnvollen Gründen weniger witzig sind: Dazu hat sich, surprise, ein Mann vor einer Weile mal öffentlich seine Gedanken gemacht.


Okay, buckle up bitches aller Geschlechter, jetzt wird’s wild. In einem kontrovers diskutierten Artikel der Vanity Fair aus dem Jahre 2007 mit dem Titel “Why Women Aren’t Funny” stellt der sehr, sehr männliche Autor genau dazu ein paar Thesen auf.


  1. Den Marktwert einer Frau bestimmt vor allem ihre körperliche Attraktivität. So weit, so problematisch, aber leider auch heute noch nicht von der Hand zu weisen. 

  2. Männer wiederum sind von Natur aus, so der Verfasser, keine besonders attraktiven Geschöpfe. Was das Aussehen angeht, haben Frauen also erst einmal einen Vorteil (den haben wir Ladies uns in jahrhundertelangem Bemühen um Objektifizierung ja schließlich auch hart erarbeitet). 

  3. Männer zücken deswegen eine andere Währung: Intelligenz. Und die charmanteste Form davon ist fraglos: der Humor. 

  4. Es ist also nicht nur so, dass Frauen nicht so witzig sein müssen wie Männer, weil sie das Privileg der Schönheit ja theoretisch schon sicher haben –  es steht ihnen auch nicht zu. Denn das wäre ja sonst unfair. Unlauterer Wettbewerb!

  5. But wait, there's more. Er sagt zudem, ich übersetze mal frei, dass die Frau in ihrer Funktion als gebärendes Medium eine Angelegenheit ist, bei der Humor eine pietätlose Verballhornung der weiblichen Hauptverantwortung für den Erhalt der menschlichen Existenz sei. Weiblichkeit und Humorlosigkeit gehen also von Natur aus Hand in Hand. Oder habt ihr schon mal ‘ne Frau lachend in den Wehen liegen sehen? 


Ich fasse diesen Mumpitz zusammen: Frauen sind der geborene und gebärende Ernst, Männer evolutionsbiologisch der größere Witz – und 2007 ist wirklich noch nicht lang genug her, als dass es mir nicht die Adiletten auszieht, wie misogyn sich da öffentlich geäußert werden durfte. Das gesagt: Ein bisschen was ist leider schon dran.


 

Die Interaktion moderner Menschen ist zwar gesichert vielschichtiger, als reine Fortpflanzungserwägungen. Dennoch bestimmt Gendernormativität und die für viele daran gekoppelte Attraktivität viel mehr Subtext, als uns lieb ist. Und wenn im Waffenarsenal einer Frau dann eben nicht nur ihre sekundären Geschlechtsmerkmale, sondern auch ihre Witze hervorstechen, dann ist das für einige ein irritierender Glitch in der Mating-Matrix. Oder anders gesagt: Wo Hierarchien infrage gestellt werden, kippt üblicherweise erstmal die Stimmung.

 


Lachen und Macht

Es gibt Unterschiede darin, wie wir lachen. Eine Variante ist das soziale Lachen. Wir setzen es bewusst ein, weil wir beispielsweise Wohlgesonnenheit, Harmonie oder Interesse kommunizieren wollen


Und dann gibt es Duchenne-Lachen. Es ist die Art Lachen, bei dem das Unterbewusstsein der Contenance den Saft abdreht – man muss lachen. Es lässt sich nicht steuern und je mehr Mühe wir uns geben, es zu unterdrücken, desto größer wird der Drang. In der Theatersprache nennt sich das “Corpsing”. Wenn Darstellende einen Corpse, also eine Leiche spielen, ist der Zwang, jedwedes Lachen zu unterdrücken (im Sinne der Qualität der Darbietung) so groß, dass es dadurch oft erst recht und unkontrolliert passiert. 


Wenn wir Duchenne-lachen, dann war nicht nur der Witz richtig gut, dann hat auch die Person, die ihn gemacht hat, echtes komödiantisches Talent bewiesen – und uns eiskalt erwischt. Wie und wie stark sich die Symptome davon auch gestalten (von lautem Lachen, Tränen über weiche Knie bis Grunzen), das Resultat ist ein wie auch immer gearteter, kurzzeitiger Kontrollverlust. Man spricht nicht umsonst von entwaffnendem Humor. Und wenn ich bei jemandem Kontrollverlust herbeiführe, dann macht sich ein Dominanzgefüge auf. 



"In the eyes of many zoologists, humor is a human replacement for the violence which animals use on each other to establish an order of dominance (pecking order). "

Animal Joy, Nuar Alsadir


Aha! Humorvolle Frauen sind also nicht eh schon ungerecht, weil sie Witze machen, obwohl sie doch auch einfach sexy sein könnten. Sie sind auch noch dominant – und das im Patriarchat! Ich glaub’ es hackt in der Hackordnung.

“Laughter threatens authority”

Animal Joy, Nuar Alsadir


 

Als Frau frei von der Leber weg Witze zu machen, egal, wie unfein, unverhohlen, laut – und dadurch unfeminin – es wirken könnte: Ist das also eine kämpferische Alltagshandlung gegen etablierte Autoritäten – und damit so gar nicht nicht harmlos, sondern zu ernst, um darüber zu lachen?

 



Ist Frauenhumor feministisch – und deswegen nicht so lustig?


“Wieviele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?”

“Das ist nicht lustig.”


Auch wenn eine Frau, die heute mit ihrem Wit-z nicht zurückhält, dabei sicherlich nicht immer so bewusst eine gesellschaftspolitische Agenda verfolgt:


 

Frauen, die andere zum Lachen bringen, ermächtigen sich aktiv eines sozialen Utensils, das gelernterweise in die hellblaue Werkzeugkiste gehört und im rosa Schminktäschchen kein vorgeformtes Fach besitzt. Und genau das ist es, so würde ich es am ehesten beschreiben, was der Situation oft die Lässigkeit und die Selbstverständlichkeit nimmt. Es passt irgendwie (noch) nicht richtig.

 

Übung macht mal wieder nur den Meister

Ich halte fest: Dominanz, Mut und auch mal grenzwertig harmlose Normverletzungen passen nicht zum konservativen, heteronormativen Frauenbild. 


Das bedeutet auch: Frauen, die mit den Erbe eines Rollenverständnisses aufwachsen, dass ihr Humor attraktivitätsmindernd und somit nicht erstrebenswert ist (wir erinnern uns, Frauen gefallen und gebären) – die praktizieren das auch nicht. Deswegen lernen Frauen gar nicht erst, in dem Maße Humor einzusetzen, wie Männer es tun. 




Jeder Tag ist Frauenkrampftag 

Ein krampflastiges Dasein, historisches Nachsehen und ein ewiger Hustle um Anerkennung: Frausein scheint tatsächlich eher was für LiebhaberInnen des Galgenhumors zu sein. 



Zu einem gewissen Grad ist Humor glücklicherweise aber auch einfach eine Talentfrage. Und es gibt genug Frauen, die eben jenes haben. Wenn eine der wenigen Mutigen dann allen Widrigkeiten zum Trotz ihre witzigen Gedanken in diese grausame Welt entlässt, dann bricht sie gekonnt Tabus – aber eben anders, als Männer. Zwei häufige Varianten:


  1. Die Themenauswahl. Ich habe mir dafür weibliches Netflix Comedyprogramm reingezogen. Puh. Frauen machen da vor allem Witze über Muttersein, Scheidenpilzmedikamente und intersektionale Diskriminierung. Erfrischend indiskreter Girl Talk, nur jetzt halt ganz neu: für alle. Bei Männern löst das vermutlich Irritation, häufig Überraschung und hoffentlich Empathie aus – aber männliche Lachkrämpfe über Menopausen-Jokes?

  2. Der Angriff auf die besagte weibliche Passivitätsnorm, bzw. der Weg aus dem Publikum ins Rampenlicht. Wie sexy das dann noch ist, ist der Witzereißerin auf einmal einfach egal. Und da haben wir ihn wieder, den Skandal, der so manches Lachen im Halse verweilen lässt.

 

Was haben diese beiden Aspekte zur Folge? Es ist gut wenn Frauen sich trauen, einen rauszuhauen – aber nicht unbedingt leger: Die Jetzt sind wir dran!- Mentalität ist ein notwendiges Übel – und leider oft auch ein Downer. Im Prinzip handelt es sich dabei um das gleiche Phänomen, wie auf der Karriereleiter, wo ambitionierte Männer und schwierige Frauen auf der gleichen Sprosse stehen.

 


Benign Violation Barbie: macht Witze, ist nicht lustig

Auf der lachenden Seite des Lebens ist es, auch mit diesem Wissen, am Ende absolut Wurst: Humor ist wie gesagt komplex und ob ich am Ende wirklich lache (also im Sinne von Duchenne) oder nicht, entscheide ich nicht selbst, egal wie sehr ich mich für Gleichberechtigung engagiere. 


Zumindest im Moment nicht. Blickt man aber in eine Zukunft, in der die alten Geschlechterrollen weiter aufweichen, wird das unsere Wahrnehmung und unseren Umgang mit dominanten Witzboldinnen auch ändern. 


 

Haben wir am Ende, dank des Feminismus, mehr zu lachen? Eine mutige These, die viele wahrscheinlich nicht wirklich ernst nehmen. Für manche eher ein schlechter Scherz. Aber über manche Witze kann man eben auch erst lachen, wenn die schmerzende Wunde, in die sie ihren Finger reindrücken, nicht mehr ganz so frisch – und deswegen gefühlt ein bisschen harmloser ist.


In diesem Sinne bleibt wie so oft im Leben nur: weitermachen. Oder wie vermutlich irgendein weiser Bauarbeiter mal gesagt hat: Wenn dir die Scheiße bis zum Hals steht, nur den Kopf nicht hängen lassen.

 



Quellen:

Alsadir, Nuar: Animal Joy - A Book of Laughter and Resuscitation. First Graywolf Printing 2022




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